Aufführungsdauer: ca. 19′

Verlag: Schott Music (in Vorbereitung)

Auftragswerk des Sonar Quartetts, gefördert durch ein Aufenthaltsstipendium des Landes Brandenburg auf Schloss Wiepersdorf

Werkeinführung:

Die vermeintliche Vollkommenheit der Streichquartettbesetzung stellte sich für mich bei genauerer Betrachtung als Schimäre heraus. Dem traditionellen Streichquartett fehlt einerseits aufgrund der Abwesenheit des Kontrabasses eine komplette Oktave im tiefen Register der Instrumentengruppe, andererseits ist die Besetzung zweier Violinen nur aus dem klassischen Ideal des vierstimmigen Satzes heraus zu rechtfertigen; unter dem Aspekt einer ‚effizienten‘ Besetzung ist einer der beiden eigentlich redundant.

Das Stück ist als intensive Befragung sowohl der klanglichen Möglichkeiten dieser also durchaus problematischen Besetzung als auch der hinter derselben stehenden traditionellen „Gewichtigkeit“, um nicht zu sagen: Belastetheit angelegt. Zwei Kernaspekte stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander: Zum einen eine Herangehensweise, die den Quartettklang gewissermaßen unter dem Mikroskop seziert, also kleinste Klangverschiebungen und Details, etwa von Intonation, Dynamik, Klangdauer, Registerkombinationen, akribisch untersucht. Andererseits der Versuch, eine persönliche Interpretation von Kontrapunkt zu finden, jedoch weniger im herkömmlichen Sinne, sondern als eigenwillige Umsetzung der Idee von Kontrapunkt als der gleichermaßen selbständigen wie miteinander verflochtenen und aufeinander bezogenen Koexistenz von Gedanken, Texturen, Haltungen.

Der Gedanke des Kontrapunkts wird damit eher in einem eher „körperlichen“ als vergeistigten Herangehen neu interpretiert – in dem Sinne, dass jeweils Teile des „Klangkörpers“ Streichquartett als quer zu den anderen stehend, eigenständig oder abseitig definiert werden, bis hin zum Fremd-Körper. Dies bezieht sich besonders auf die Funktion der beiden Violinen, die im Satz des Quartetts eine gleichsam tumor-artige Funktion einnehmen: ein Gewächs aus dem Material des Gesamtkörpers, das jedoch ein Eigenleben entwickelt und damit wieder auf den ganzen Organismus zurückwirkt. Dieses Ver- und Entwachsen wird auch in Zweierkombinationen mit Viola und Cello angewandt, bis das Stück sich am Ende weitgehend auf eine Dreistimmigkeit mit vier Instrumenten reduziert. Die Idee der “redundanten Vierzahl“ strahlt jedoch auch in die Form ab: so ließe sich das Stück in vier “Sätze” unterteilen (mäßig – extrem schnell – langsam – sehr langsam), von denen der vierte jedoch nichts anderes ist als eine Neukomposition des dritten. Selbst in der Mikroform lässt sich der Gedanke weiterverfolgen: viele Gesten bestehen aus vier Elementen, von denen zwei identisch oder nur leicht variiert sind.

Der Titel, zu deutsch etwa „Porträt des Künstlers als alter Mann im Dreiteiler“ reflektiert dieses Vorhaben in seiner Vielschichtigkeit. Unübersehbar ist natürlich die Anspielung auf James Joyces Roman, der mit der Gestalt des Stephen Dedalus den visionären (letztlich aber scheiternden) Erfinder aus der griechischen Mythologie zitiert und seinerseits wiederum Vorbereitung auf das viel umfangreichere literarische Projekt des Ulysses war. Zugleich enthält der Titel einen zweiten Verweis auf das Thema der Körperlichkeit, hier im Sinne des Alterns: es wird nämlich nahezu das komplette Klangmaterial innerhalb des Stückes mehrfach verwendet und trägt damit bei jeder Wiederholung Züge von Alterung und Abnutzung, aber auch von Erfahrenheit und Verdichtung. Schließlich enthält die ironisch gebrochene Variation von Joyces Romantitel einen Verweis auf die „altmodische“ Gattung des Streichquartetts selbst wie auf die gleichermaßen antiquiert anmutende respektvolle Herangehensweise an die Gattung. Diese (selbst-)ironische Doppelbödigkeit des Titels findet sich letztlich auch in der Komposition wieder, die bei aller Dichte und allem Anspruch von einer Grundhaltung von Leichtigkeit und spielerischem Umgang mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der Besetzung geprägt ist.