Besetzung: Violoncello solo

Dauer: ca. 14-16 Minuten

Auftragswerk von Matthias Lorenz mit Unterstützung des Kunstraums geh8 (Dresden)

UA: Dresden, 24.11.2017 (Matthias Lorenz)

Weitere Aufführungen: Oldenburg 26.11.2107, Bremerhaven 27.11.2017

Einführung

drift

(Nordpolare Eisdrift, Quelle: Wikipedia)

Die Linguistik hat von der Meereskunde den Begriff der „Drift“ übernommen -als Beschreibung unaufhörlicher Sprachwandelprozesse, die, wie die Eisdrift, dadurch charakterisiert sind, dass bestimmte Teilbereiche einer Sprache sich zirkulär verändern, einige unverändert bleiben und teilweise auch gegenläufige Driftbewegungen in einem Sprachwandelprozess auftreten können.
Eine intensive wissenschaftliche Befassung mit Sprache hat auch mein Denken über Musik und kompositorische Techniken verändert. Drift [I] ist der Versuch, ein sprachliches Phänomen auf Musik, respektive: auf ein Musikinstrument zu übertragen.
Das Stück arbeitet überwiegend mit stark verlangsamten, teilweise fast unmerklichen und einander oft auch überlagernden Veränderungsprozessen. So wird ein Teilbereich des Instruments – etwa der Abstand zwischen zwei Tonhöhen, der Abstand zwischen Steg und Griffbrett – in minutiöser Langsamkeit immer wieder abgetastet und die klanglichen Veränderungen, die sich aus der Kombination der Prozesse ergeben, wie unter dem Mikroskop betrachtet. Eine Besonderheit ist dabei, dass der Spieler sein Instrument im Laufe der Aufführung minimal verstimmen muss, so dass er sich selbst immer mehr wie auf einer driftenden Eisscholle befindet, weil die Aktion der Greifhand nicht mehr exakt das erwartete Resultat liefert.
Neben diesen langsamen Prozessen finden sich einzelne „ruckartige“ Ereignisse mit größerer Dichte und äußerer Aktion, die sich teils als Auslöser längerer Entwicklungen herausstellen, teils aber auch folgenlose Fremdkörper bleiben – wie eingefrorenes Treibgut im Eis oder Fremdwörter in einer Sprache.