Besetzung:

Trompete, Posaune, Schlagzeug (2 Spieler), Gitarre, Violoncello und Klavier

Aufführungsdauer: ca. 13′

Verlag: Schott Music

UA: 19.11.2014, Wien, Semperdepot (Festival Wien Modern)
Ensemble ascolta
Enno Poppe, Dirigent

DE: 22.5.2015, Rheinsberg (Pfingstwerkstatt), Ensemble ascolta/Steffen Tast, Dirigent

Weitere Aufführungen:

16.6.2015, Rottweil (Ars nova-Reihe des SWR), Ensemble ascolta/Hartmut Keil
8.11.2015, Stuttgart (Festival Lachenmann-Perspektiven), Ensemble ascolta/Steffen Tast

Rundfunksendung:

14.10.2015, SWR

Auftragswerk des Ensemble ascolta im Rahmen des Projekts Gebrauchsanweisungen – Audiovisuelle Dialoge

Werkeinführung:

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Abb. 1: Grafische Darstellung der Cantor-Funktion, von Mathematikern auch „Devil’s Staircase“ (Teufelstreppe) genannt. Die Registerverläufe innerhalb der einzelnen Instrumentalstimmen orientieren sich an diesem Modell, allerdings von links nach rechts, also die Teufelstreppe herabsteigend gesehen.

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Abb. 2: Voglers „Teufelsmühle“, eine harmonische Endlosschleife, wie sie etwa in Schuberts Wegweiser verwendet wird

before I sleep reagiert in gleichermaßen strenger wie subversiver Weise auf die Vorgaben, die das Ensemble ascolta im Rahmen der Gebrauchsanweisungen konzipiert hat. Meine prinzipielle Strategie im Umgang mit den „Spielregeln“ könnte man als „Unterlaufen durch Übererfüllung“ bezeichnen. So enthält das Stück einen prominenten, wenn auch über weite Strecken nicht virtuosen, sondern eher melancholisch sich absondernden Solopart für Trompete und ein umfangreiches Duo für Posaune und Klavier. Zugleich aber wird jede andere mögliche Duokonstellation aus dem Ensemble ebenfalls an irgendeinem Punkt des Stückes durchgeführt – meist durch Überlagerung mehrerer Duos verschleiert –, und auch jeder andere Spieler bekommt früher oder später sein Solo. Dabei strahlt der eigenbrötlerische Gestus des Trompetensolos in die anderen Stimmen ab; all diese Soloabschnitte sind mehr Moment des Rückzugs für den Solisten in eine eigene, abgesonderte Klangwelt als des prominenten Hervortretens.

Ein Kernproblem bei der Komposition war der Umgang mit der vorgegebenen Einteiligkeit, zumal für einen Komponisten wie mich, der vielgestaltige und kleinteilige formale Strategien liebt. Ich habe mich auch dieser Obstruktion auf Umwegen genähert – man könnte sagen, dass der Eindruck von Einteiligkeit im Sinne eines durchlaufenden flow of conciousness gerade durch Reihung, Überlagerung und Verschleierung einer nicht mehr übersehbaren Vielzahl von Abschnitten besteht – gewissermaßen eine Technik des formalen Pointillismus. Die mobile Anlage, bei der an fünf verschiedenen Punkten bei jeder Aufführung wechselnd in eine virtuell unendlich durchlaufende Schleife eingestiegen werden kann, unterstützt den Gedanken einer einteiligen, weil theoretisch end- und ziellosen Form. Dem folgt auch der Umgang mit dem Tonmaterial. Ausgehend von der Assoziationskette „eine Treppe hinabsteigend → Teufelstreppe → Teufelsmühle“ basiert das gesamte Tonhöhengerüst auf einer endlos absteigenden Akkordfolge, die immer ähnlich, aber niemals gleich erscheint und, einer Escher-Zeichnung oder einem Möbiusband vergleichbar, unten angelangt, gleichzeitig wieder an der Oberkante von neuem beginnt.

Dem entspricht die generelle Haltung des Stückes mit einer Gestik und Klanglichkeit, die zwischen traumhaften, somnambulen und skurril tänzerischen Passagen wechselt, wobei man im Grunde nie wirklich unterscheiden können soll, ob hier in Zeitlupe getanzt oder im Zeitraffer geträumt wird: Tempo und Rhythmik sind klar von filmisch-visuellen Ansätzen beim Umgang mit Zeit und der Manipulation ihrer Wahrnehmung geprägt, bis hin zu Momenten mit Wiederholungsschleifen oder „Filmstills“, die in flexibler und frappierender Weise mit den gleichzeitig ablaufenden Bildern der visuellen Beiträge korrespondieren können.